Erster Eintrag - Es wird tatsächlich ernst!
Es ist der 08.09. und ich war - mal wieder - in Gießen. Mittlerweile ist mir die Strecke schon relativ vertraut, da ich sie in den letzten Monaten doch das ein oder andere Mal zurücklegen musste.
Wer ebenfalls schonmal in der Uniklinik dort war weiß: Parkplatz suchen (und dann auch finden) kann schonmal ein ziemlicher K(r)ampf werden und so hoffte ich inständig, dass ich heute noch einen Platz im Parkhaus finden würde. Da ich aber noch relativ zeitnah am Morgen meinen Termin hatte, machte ich mir nicht allzu viele Gedanken darum.
Heute stand die Chirurgie auf dem Plan. Und das auch etwas außerplanmäßig. Denn ich bin adipös, habe einen BMI jenseits der 40 und es war bis dato überhaupt nicht klar, ob ich denn spenden könnte... eben aufgrund meines Übergewichtes. Beim ersten Termin in Gießen hieß es schon "Sie müssen auf jeden Fall abnehmen!" und "Wir operieren nur ab einem BMI von 35 oder kleiner." was den Druck auf mich selbst nicht wirklich verringert hat. Vor allem der Gedanke, "was wäre, wenn es nur an meinem Gewicht liegt, dass es zu keiner Spende kommen kann" hat mich sehr belastet. Vonseiten meiner Familie oder von Daniel erfahre ich diesbezüglich überhaupt keinen Druck, wofür ich sehr dankbar bin. Den Druck mache ich mir eher selbst.
Leider ist mein Gewicht schon seit Kindstagen an mein "treuer" (und sehr nerviger und belastender) Begleiter. Ich war schon als Kind dick, als Schulkind, als Jugendliche, als junge Erwachsene und habe es bis heute leider nie geschafft mein Gewicht dauerhaft zu verringern. Betonung liegt hier auf "dauerhaft". Natürlich sind mir Abnahmen gelungen. Auch größere. Aber einmal aus der Routine raus, aus der Disziplin raus und das Gewicht ging sehr schnell wieder nach oben. Und glaubt mir: Ich habe wirklich schon ALLES probiert. Über Diäten wie Weight Watchers, Trennkost, FDH, Shake-Diäten, über medizinische Möglichkeiten wie Magenballon und Abnehmspritze. Nichts hat dauerhaft geholfen (wenn überhaupt) und mittlerweile spielen wohl auch mein Alter und meine hormonellen Schwankungen in Form des PCO-/PMO-Syndroms eine sehr große Rolle.
Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, eine Faltmagen-OP (auch Endo-Sleeve genannt) vornehmen zu lassen. Dies wird im März 2027 passieren (und das wäre sicher nochmal einen ganz eigenen Blog wert).
Ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich akzeptieren und realisieren muss, dass ich es ohne Hilfe einfach nicht mehr schaffe. Und das ist ok so. Und eigentlich ja auch ziemlich mutig das so zu sagen ;-).
Aaaaber, zurück zur Niere, zurück nach Gießen!
Ich hatte also Glück und bekam im 6. Stockwerk noch einen schönen Parkplatz. Der nächste Gang war zur Anmeldung. Davon können Daniel und ich eigentlich auch schon ein Lied singen... man geht rein, zieht eine Nummer, meldet sich an, damit man einen Stapel Aufkleber bekommt und dann zur gewünschten Ambulanz latschen kann. Keine Ahnung, ob ich das System gut finden soll...
Jedenfalls kam ich heute sehr zeitig dran. Die Dame im "Kasten" war ein bisschen überfordert mit mir :D. Mir wurde bei meinem ersten Termin in Gießen regelrecht verboten meine eigene Krankenkassenkarte einscannen zu lassen, da alles, was mit der Nierenspende zu tun hat, über Daniels Krankenkasse und somit über seine Karte läuft. Nach einem kurzen Telefonat war sie schlauer, druckte mir meine Aufkleber auf und schickte mich zur Chirurgie. "Folgen Sie dem gelben Streifen auf dem Boden.", sagte sie zu mir und ich musste direkt an den Film "Der Zauberer von Oz" denken, wo Dorothy angehalten wird, dem gelben Steinweg zu folgen.
Aber ich wusste, dass am Ende des gelben Weges nicht der Zauberer von Oz warten würde, sondern vermutlich ein unter Zeitdruck stehender und nicht sehr kommunikativer Arzt oder Ärztin. Man bemerke hier meine Vorurteile...
Ein Schild zeigte mir schließlich, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Und nach meinem ersten Schritt in die (Privat-) Ambulanz staunte ich nicht schlecht: Der weiße, triste Krankenhausboden ging über in dunkelbraunes Parkett (oder PVC? Keine Ahnung :D). Die Stühle waren hier nicht aus Plastik, sondern aus Leder und im Wartezimmer gab es eine Kaffeemaschine. "Willkommen in der Welt der zwei Klassen-Medizin.", dachte ich mir und nahm Platz. Während des Wartens amüsierte ich mich über einen älteren Herren, der sich irgendwann press ans Fenster setzte, um ein bisschen Handy-Empfang zu bekommen. Ich hingegen fand es nicht schlimm mit meinen eigenen Gedanken alleine zu sein.
Fast 1,5 Stunden später (gab eine eher nicht so gute Bewertung im Fragebogen :D) wurde ich aufgerufen und von einer netten Dame mitgenommen. Im Behandlungszimmer folgte der nächste Schock: Eine Spinne saß an der Wand, knapp überhalb meiner Schulter! Eine SPINNE! Jedes Tier hat natürlich seine Daseinsberechtigung, aber Spinnen... nunja, sagen wirs mal so: Sie sind nicht unbedingt meine Lieblingstiere. Ich schnickte sie etwas von mir weg und sie landete auf dem Schreibtisch und war wahrscheinlich erstmal verwirrt, wo sie auf einmal war. Sorry, Kumpel!
Nach ein paar Minuten kam der Arzt herein, reichte mir zaghaft seine Hand und setzte sich an seinen Schreibtisch. Die Pflegekraft, die mich ins Zimmer gebracht hatte, war ebenfalls mit dabei und setzte sich mit einem Laptop bewaffnet auf einen Stuhl.
Schnell konnte ich mein Vorurteil von vorhin begraben. Der Arzt war äußerst nett und symphatisch, ging auf meine Fragen ein und erklärte alles ruhig, sachlich und verständlich. Er untersuchte meinen Bauch (natürlich liebe ich es meine "Problemzonen" fremden Menschen zu zeigen...) und meinte ziemlich schnell: "Das ist kein Problem!". Äh, was? Ich war ein bisschen perplex. Ich hatte erwartet, dass er sagt, dass wir die Faltmagen-OP erstmal abwarten sollen etc., aber er meinte sogar, dass er am liebsten noch dieses Jahr operieren würde. Natürlich obliegt die Terminvergabe aber dem Nierentransplantationszentrum.
Gerade, als ich mich von der Behandlungsliege erhob und mich wieder setzen wollte, kam auch der Spinne der mega gute Einfall, sich wieder über die Wand auf den Weg zu mir zu machen. Ich rutschte einen Stuhl weiter, verwies auf das kleine Tierchen und die nette Pflegekraft bugsierte den Achtbeiner mit einem Tuch in die Freiheit :-). No animals were harmed!
Was sind die nächsten Schritte vonseiten der Chirurgie? Sie hätten gerne noch ein MRT meines Bauches. Eigentlich hätte das CT, welches Daniel und ich 2 Wochen vorher bekommen hatten, ausreichen sollen. Eigentlich. Denn leider wurde es bei dem Termin verpasst, mir einen Zugang zu legen und Kontrastmittel zu verabreichen... und weder Daniel noch ich wussten darüber Bescheid, sonst hätten wir darauf hinweisen können. Dementsprechend war mein Frust natürlich groß und ich gestehe, dass ich auch bissel verärgert war... immerhin bedeutete ein CT auch Strahlenbelastung und der wollte ich mich kein 2. Mal aussetzen. Der Arzt hat dies absolut verstanden und meinte, dass ein MRT auch ausreichen würde. Damit bin ich zufrieden :).
Ich verlies die Ambulanz und kontaktierte erstmal meinen Cousin. Nun, wenn Du auch schonmal in der Uni Gießen warst, dann weißt Du, dass diese Klinik an fast KEINEM Ort Mobilfunk-Empfang hat und und ein freies WLAN kann man auch vergebens suchen. Aber hier gab es Tageslicht und am Fenster gingen meine Nachrichten an ihn immerhin raus :-). Und: Wir konnten es beide nicht direkt fassen.
Denn dieser Termin heute bedeutete auch eins: Wir sind der Lebendspende einen großen Schritt näher gekommen.
Was bisher geschah...
So. Hier erzähle ich, was Daniel und ich oder nur ich bisher schon alles erlebt haben. Und wie viel Blut wir schon lassen mussten :D.
Unser erster gemeinsamer Termin in Gießen war Anfang Juni 2026 und wir haben die Damen vom Ntx-Büro kennengelernt (Ntx ist die Kurzfassung für das Nierentransplantationszentrum). Zwei aufgeweckte, freundliche Frauen, die Daniel und ich mit unseren Nachnamen direkt amüsiert hatten: Sowohl Daniel als auch ich haben einen Adjektiv als Nachnamen. Und zwar auch noch ein Gegenteil in sich, also mein Nachname passt auch eigentlich eher zu ihm. Beispielsweise wäre ich also Karin Groß und Daniel wäre Daniel Kurz (und Daniel ist mindestens 2 Köpfe größer als ich). Somit sind wir das Spenderpaar Groß/Kurz, was jeden zumindest zum Schmunzeln bringt ;-).
Die Damen werden uns die ganze Zeit über begleiten und koordinieren unsere Termine, sind ansprechbar bei Fragen und nehmen uns Blut ab.
Und Blut wollten sie beim ersten Termin sehr reichlich haben, wie man auf dem Foto sehen kann (ja, das waren allein nur meine Röhrchen). Was wurde alles untersucht? Virologie, Blutbild, HLA-Merkmale, Blutgruppe und und und. Da Daniel und ich unsere Blutgruppen schon kannten war klar, dass wir hier nicht perfekt zusammen passen würden, was aber bei einer Nierenspende nicht weiter schlimm sei, so wurde es uns zumindest erklärt.
Danach folgte ein längeres Gespräch mit dem Leiter des Transplantationszentrums, der uns ein bisschen was zum Ablauf erklärte und mir eine Gewichtsabnahme sehr ans Herz legte. Natürlich war mir klar, dass meine Adipositas ein Hindernis sein könnte... aber nicht, dass es womöglich der einzige Grund am Ende ist, weshalb eine Spende nicht möglich sein würde. Hier fiel dann der Satz "Wir operieren erst ab einem BMI von 35 oder kleiner." Später rechnete ich mir dann aus (bzw. lies ich ausrechnen, da ich es nicht so mit Zahlen habe), dass ich gute 20kg abnehmen müsste, um im Bereich eines BMI von 35 zu sein. Eine absolute Mammutaufgabe, was mir direkt ein ungutes Gefühl gab. Denn ich war schon länger dabei mein Gewicht wieder nach unten zu bekommen, stellte aber fest, dass es aktuell so gut wie unmöglich war. Ich gehe 2-3x/Woche ins Fitnessstudio, achte auf meine Ernährung und schaue, dass ich am Tag 8.000 - 10.000 Schritte laufe, aber auf der Waage tut sich nicht wirklich was. Daher ja auch meine oben beschriebene Entscheidung für den Faltmagen. Natürlich war das in erster Linie eine Entscheidung für mich und meine Gesundheit. Aber auch ein Stück weit für Daniel.
Nach dem Termin bekamen Daniel und ich noch unsere "Laufzettel": Eine Liste mit allen Facharzttermin, die wir vor der möglichen OP abhaken mussten. Für mich stand (und steht) sowas wie Gynäkologie, Hautarzt, Augenarzt, Echokardiographie (Herzultraschall) und noch so einiges mehr drauf, wie man auf dem Foto sehen kann.
Stand jetzt (September) bin ich noch dabei meine Termine auszumachen, weil ich erstmal den Chrirugie-Termin abwarten wollte, ob ich denn überhaupt mit meinem aktuellen Gewicht spenden kann.
Für mich ging es zwei Wochen später schon weiter: Aufgrund meines Gewichtes wollte die behandelnde Oberärztin gerne einen Zuckerbelastungstest haben, damit ein Prä-Diabetes (Vorstufe zum Diabetes) ausgeschlossen werden konnte. An alle Menschen, die schonmal so einen Test machen mussten... I feel you. Man, war das widerlich! 200ml pure Zuckerlösung zu Trinken klingt auch nur auf dem Papier aufregend. Aber das Fazit hieraus: Unauffälliges Ergebnis :-).
Ende Juni dann die nächste Station: Die Nierenszintigraphie um zu schauen, wie meine Nieren arbeiten und welche die bessere Niere ist. Bei einer Nierenspende wird der Spenderin - also in dem Falle mir - die "schwächere" Niere entnommen. Schließlich soll ich selbst nach einer Spende auch keinen Nachteil mitnehmen, was mir selbst natürlich immens wichtig ist. Von daher finde ich es gut, mal von Kopf bis Fuß "durchgecheckt" zu werden, auch wenn es bissel zeitaufwendig ist. Für die Szinitgraphie wurden mir zwei Zugänge gelegt, einer um mir das radioaktive Mittel zu spritzen (da hab ich wirklich gestrahlt :D) und der andere Zugang, um mir währenddessen Blutabnehmen zu können. Auch hier lautete das Ergebnis: Alles unauffällig, meine Nieren arbeiten sehr gut! Yay!
Fun Fact: Statistisch ist es wohl so, dass ein Spender oder eine Spenderin sogar eher länger lebt als eine Person, die nicht gespendet hat (wenn ich da mal eine Quelle finde, füge ich sie hier ein). Warum? Wenn ich irgendwann nur noch eine Niere haben sollte, bin ich auch dazu angehalten, regelmäßig meine Hausärztin und meinen Nephrologen zu besuchen, damit ich untersucht werde. Ohne eine fehlende Niere würde ich das vielleicht gar nicht so regelmäßig machen.
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