Meine Gedanken zur Lebendspende

Einen Teil von sich abgeben. Rausoperieren lassen. Loswerden. Weggeben. So könnte man eine Lebendspende sicher auch bezeichnen.

Überraschung, ich bezeichne sie nicht so. Für micht ist es viel mehr als "nur" ein Organ abgeben. Für mich heißt es, dass ich meinem Cousin und seiner Familie unbeschwertere Jahre bescheren kann. Ich kann ihnen lange Urlaube ermöglichen, ohne dass sie gucken müssen, wo denn das nächste Dialysezentrum ist, damit Daniel 3x/Woche dialysiert werden kann. Für mich heißt es, dass er mehr Zeit mit seinen zwei Söhnen (*2017 und *2023) und seiner Frau verbringen kann. Erinnerungen sammeln, ohne sich allzu große Sorgen um seine Gesundheit machen zu müssen. Für mich heißt es, dass ich ihm Lebensqualität und Lebensjahre schenken kann, da die Dialyse mit der Zeit natürlich auch am Körper zehrt. Ein Mensch kann sehr gut mit nur einer Niere leben. Und Gesundheit ist doch unser höchstes Gut. Was sollte also groß dagegen sprechen, ihm dieses Geschenk zu machen?

Mir hing dieses Thema schon länger im Kopf. Generell war das Thema "Organspende" schon lange bei mir präsent und genauso lange besitze ich einen Organspendeausweis.
Schon als Daniels Mutter erzählte, dass es ihm schlechter ging und die Nierenwerte am sinken waren habe ich mich selbst gefragt: Wärst Du dazu bereit? Könntest Du "einen Teil" von Dir abgeben? Hast Du Angst? Was hält Dich vielleicht von ab? Und schon damals hat sich witzigerweise direkt ein "Ja, ich will das machen!" in meinem Kopf gefestigt und mir sind nicht viele Gründe eingefallen, es nicht zu tun.

Ich kann verstehen, wenn es Menschen ablehnen zu Lebzeiten eine Niere oder einen Teil der Leber zu spenden. Absolut! Das ist keine Entscheidung, die man mal "einfach so" trifft. Natürlich gibt es Risiken und natürlich ist das auch für mich keine larifari Operation. Kein Mediziner und keine Medizinerin kann mir Brief und Siegel geben, dass ich nicht (auch) irgendwann mal eine Nierenerkrankung bekomme, an Diabetes erkranke oder womöglich selbst mal an die Dialyse muss. Es gäbe sehr viele Gründe, es nicht zu tun! Was mir hilft ist ein großes Vertrauen in die Ärzte, Ärztinnen und in die Pflegekräfte. Vielleicht hat das mit meinem medizinischen Hintergrund zu tun, aber ich habe keine Angst vor diesem Tag.
Und zum Glück kenne ich beide Seiten des Tuches. Ich weiß, wie es sich anfühlt langsam das Bewusstsein zu verlieren, während ein paar Menschen über mich gebeugt sind und im Prinzip nur darauf warten, dass ich aufhöre zu atmen. Wie mein Körper noch dagegen ankämpfen will, aber mir dann doch irgendwann die Augen zufallen und der Anästhesist oder die Anästhesistin vorher noch gefragt hat, ob ich mir denn einen schönen Traum ausgesucht habe. Und ich weiß was passiert, wenn ich aufgehört habe zu atmen. Ich weiß, dass dann alles konzentriert und teilweise automatisiert in so einem OP-Vorraum abläuft. Ich weiß, dass die Pflegekräfte und Ärzt*innen den Monitor im Blick haben, um meine Herzfrequenz, meinen Blutdruck und meine Sauerstoffsättigung zu beäugen. Ich weiß, dass sie noch einen Moment zuwarten, bis auch das Muskelrelaxans wirkt und meine Muskeln erschlaffen, damit sie mich problemlos intubieren können. Nachdem der Tubus liegt, wird er noch fixiert, vielleicht bekomme ich noch eine Magensonde, einen großlumigen Zugang, eine Arterie zur Blutdrucküberwachung und/oder einen Blasenkatheter gelegt und wenn das OP-Team das "Go" gibt, werde ich in den Saal gefahren. Ich weiß, dass sie mich dann lagern werden (ich werde bei der Explantation meiner Niere auf der Seite liegen) und schauen, dass ich nicht "vom Tisch" fallen kann.
Da ich schon bei etlichen OPs zugeschaut und beigewohnt habe, ist mir Vieles bekannt und nimmt mir sicherlich auch nochmal ein Stück weit die Aufregung. Den Operateur habe ich übrigens bereits kennengelernt: Ein absolut symphatischer und kompetenter Arzt mit viel Erfahrung. Auch das beruhigt mich.

Nunja, ganz so cool, wie ich vielleicht von außen wirke bin ich allerdings nicht, das gebe ich zu. Und auch mein "Ich habe keine Angst" vom vorherigen Absatz kann man durchaus hinterfragen. Die Menschen, die mich kennen wissen, dass ich diese Entscheidung aus vollster Überzeugung getroffen habe, weil ich meinem Cousin und seiner Familie ein Leben ermöglichen möchte, wo sie etwas sorgenfreier in die Zukunft blicken können.
Aber natürlich frage ich mich auch, inwiefern es meine Gesundheit und/oder meine Zukunft beeinflussen wird. Wird sie überhaupt beeinflusst werden? Und wenn ja, wie sieht das aus? Werde ich mich schnell von der OP erholen? Wird meine verbleibende Niere direkt volle Kraft voraus gehen oder erstmal bissel die Arbeit reduzieren, weil sie tödlich beleidigt und verwirrt ist, dass ich ihre Partnerin gespendet habe? Werden meine OP-Wunden gut verheilen? Wie schnell wird Daniel wieder fit sein? Wird meine Niere problemlos in seinem Körper funktionieren? Warum kostet eine Tafel Ritter-Sport so viel Geld? Warum habe ich noch nicht im Lotto gewonnen? Und wann wird Friedrich Merz endlich zurücktreten?
Fragen über Fragen. Wie gehe ich damit um? Indem ich immer mal wieder tief in mich reinhöre und bestätigen kann, dass ich das wirklich will. Ich werde nicht gedrängt, mir wird kein Druck gemacht und meine Familie, Freundinnen und Freunde stehen geschlossen hinter mir. Und somit kann ich mir selbst das warme Gefühl von Geborgenheit vermitteln und weiß: Mir wird nichts passieren. Daniel wird nichts passieren. Und wir werden beide sehr schnell wieder top-fit sein. Außerdem weiß ich, dass viele Menschen im Himmel auf mich aufpassen (u. A. Opa, Oma und Bessem) und viele Menschen auf Erden an dem Tag ganz doll an mich und Daniel denken werden.

Alles, was ich hier geschrieben habe, ist meine persönliche Meinung/Erfahrung :-).